No Pasa Nada

Verkehr in Mexico City

TEE Time

No pasa nada!

Gerade komme ich vom Mittagessen aus dem Stadtzentrum zurück. Das Essen war gut und dennoch, mir ist schrecklich unwohl. Nein, das liegt nicht an Montezumas Rache (was eigentlich auf den Atztekenherrscher Moctezuma zurück geht), sondern an den Verkehrsbedingungen in dieser Millionenmetropole. Da sind zum Einen die Strassenverhältnisse. Schlaglöcher nennt man sowas hier, in Deutschland würde so etwas wohl eher als Krater durchgehen. Fehlende Gullideckel, die auch ohne Weiteres mal eine Achse vom Auto reissen können (habe ich selbst gesehen, ein Golf war zum Zweirad mutiert), sind nur ein Problem. Die unzähligen Tope und Bado ein ganz Anderes. Tope sind betonierte Schwellen in der Strasse und Bado die entsprechenden Vertiefungen. Beide variieren in Höhe und Breite und sind zuweilen selbst für normale Autos nur mit laut vernehmbarem Knirschen des Unterbodens passierbar. Dazu kommt der immense Verkehr auf den Strassen der dazu führt dass man Tope, Bado und fehlende Gullideckel eigentlich nur daran erkennt wie sich die vorherfahrenden Autos verhalten. Bewegt sich also der linke Teil der Motorhaube des vorausfahrenden Autos plötzlich ruckartig nach unten, ist mit einem grösseren Loch in der Strasse zu rechnen. Wird die Abwärtsbewegung allerdings gleichmässig von der ganzen Motorhaube vollzogen kann man von einem Bado ausgehen. Derlei Hindernisse ruinieren selbsverständlich das Fahrwerk der Autos als auch das Wohlgefühl in der Magengegend, was mich zum Thema Fahrstil bringt.

Deutsche Fahrer mögen mit grossen Geschwindigkeiten auf deutschen Autobahnen zurechtkommen, hier bringen die teuer erworbenen Fahrkünste wenig. Bei genauerer Betrachtung kristallisiert sich eine unumstössliche Strassenregel heraus: jeder fährt dorthin wo er will. Das liegt zum Einen daran dass der Führerschein hierzulande käuflich erworben wird und keinerlei theoretische oder praktische Prüfung verlangt, zum Anderen daran dass die einfachen Gesetze oft sowieso nicht gelten. So haben rote Ampeln allenfalls einen Vorschlagscharakter, für manche Strassen gilt Linksverkehr und Einbahnstrassen sind meist nicht als solche gekennzeichnet. Für Ortsunkundige empfiehlt es sich daher immer sich an den anderen Verkehrsteilnehmern zu orientieren. Prinzipiell ist es empfehlenswert auch dem äusseren Erscheinungsbild der anderen Fahrzeuge Beachtung zu schenken, da daran meist die Grundeinstellung des Fahrers gegenüber seiner Umwelt abzulesen ist. Kurz gesagt, je verbeulter die Kiste desto LKW Radmutternaggressiver wird das Vorfahrtsrecht durchgesetzt. Wenn man denn weiss wo man hin will… LKWs hingegen haben eine eigene Strategie entwickelt wie sie sich den Weg freihalten, mit scharf geschliffenen Metallspitzen an den Radmuttern die an einen mobilen Dosenöffner erinnern.

Die Orientierung ist für Neuankömmlinge meist problematisch. Strassenschilder sind praktisch nicht existent und es scheint dass alles irgendwie in Bosque oder Lomas liegt. Ich würde jedem empfehlen vor dem Fahrtantritt genau die Adresse zu prüfen wo man hinmöchte und zwar in voneinander unabhängigen Systemen (Googlemaps, Waze, etc.). Erst wenn man eine Vorstellung hat wo denn das Ziel liegt, kann man das Navi programmieren, da es vorkommt dass es die gleiche Adresse mehrmals existiert, natürlich an verschiedenen Enden der Stadt. Übrigens, ein rein Internetbasiertes System wie z.B. Waze ist nicht immer zuverlässig, durch die bis zu dreistöckig übereinanderliegende Strassenführung fällt doch sehr of die Verbindung aus. Natürlich immer dann wenn man an eine Abzweigung kommt. Und wenn man dann letztendlich das Ziel gefunden hat, liegt es garantiert auf der anderen Seite der sechsspurigen Strasse! Die durchaus preiswerten Taxis sind auch nicht die optimale Lösung da selbst sie nicht unbedingt den Weg kennen. Apropos Taxi, da sollte man sich aus Sicherheitsgründen nur auf die sogenannten Sitio Taxis verlassen, und keinesfalls ein Taxi von der Strasse anhalten         .

Die Zeiten die von der Routenführung angegeben wird ist selbstredend irrelevant. Durch den Immensen Verkehr kann es leicht vorkommen dass man zu Fuss schneller vorankäme. Leider ist es mir noch nicht gelungen wirklich zu durchschauen an welchen Tagen und um welche Zeit ein gutes Durchkommen garantiert ist. Ausser vielleicht an Weihnachten, da sind die meisten Mexikaner in Urlaub. Sollte man dennoch aus welchem Grund auch immer von der Polizei angehalten werden, so sind die Sünden oft verhandelbar und nicht selten mit einem Kaffee zu sühnen.

Auch wenn die Fahrgeschwindigkeiten auf den Strassen relativ gering sind, durch das Gedränge, die fehlenden (oder missachteten) Regeln und die individuelle Interpretation des Vorfahrtsrechts kommt es doch des Öfteren zu kleineren Unfällen. Die Mexikaner nehmen das in der Regel ganz entspannt und mit einem ‚no pasa nada‘ (nichts passiert) wird der Weg einfach fortgesetzt. Sollte doch mal ein grösserer Schaden entstehen, wird nicht etwa die Polizei sondern die Versicherung gerufen. Übrigens, Krankenwagen haben zu Stosszeiten nahezu keine Chance zum Unfall zu gelangen und auf Blaulicht reagieren Mexikaner sowieso nicht da die Polizei standardmässig mit Blaulicht durch die Gegend fährt.

Wir haben es immerhin geschafft auch nach drei Jahren ohne ernsthafte Schäden davongekommen zu sein. Man gewöhnt sich an vieles und nicht selten kommen Deutsche auf Heimaturlaub mit dem Gesetz in Konflikt da sie die mexikanischen Verkehrsregeln auf Deutschland übertragen. Und die Deutschen Polizisten lassen sich mit einem „no pasa nada“ eben nicht so leicht abspeisen.